Bei Edelsteinen wird sie schwach
VON SUSANNE KREITZ, 30.04.04, 07:56h

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Klare Formen, edle Materialien.
Schmuck hat viel mit Stimmung zu tun, sagt die Goldschmiedin Mechthild Watermann.

Köln ist eine Stadt der Kunst, keine Frage.
Und getragen wird diese Kunst von Menschen. Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ stellt Künstlerinnen und Künstler vor, die in Köln leben und arbeiten.

Dass Künstler ihre Kunst passend zum Kunden machen, ist eher selten. Für Mechthild Watermann gehört es zur Geschäftsphilosophie. Watermann ist Goldschmiedin, und ihre Kunst dient - wie kaum eine andere - dem Menschen. Sie fertigt Schmuck, aber zu sagen, sie schmücke jemanden damit, würde weder ihrem noch dem Anspruch ihrer Arbeit gerecht.

Seit 16 Jahren betreibt sie ihr Atelier - Werkstatt und Ladenlokal in einem - in einer ruhigen Seitenstraße in Sülz. Zurzeit inspiriert sie die Passanten mit Frühlings-Dekoration, kleinen feinen Ringen und Armbändern vor kleinen feinen Gedichten. Mechthild Watermann erzählt von einer älteren Frau, die in den Laden gekommen sei, um ihr zu sagen, sie freue sich jedes Mal, wenn sie in die Auslage sehe, „auch wenn ich mir die Sachen nicht leisten kann“.

Schmuck kaufen habe nicht nur mit Geld, sondern auch mit Stimmung zu tun, „es braucht eine gewisse Leichtlebigkeit“, hat Watermann beobachtet. „Ich wusste, als der Golfkrieg losging, hier wird in nächster Zeit nichts los sein.“

Mechthild Watermann stammt aus dem Westfälischen, hat dort eine Goldschmiedelehre und ihren Meister gemacht. Um den gestalterischen Aspekt zu vertiefen, kam sie nach Köln und studierte an der Fachhochschule für Kunst und Design bei Professor Skubic. Der vertrat die

was macht

die kunst?

These, dass Schmuck zur freien Kunst gehört. Und das war ja auch Watermanns Intention, nach der eher handwerklich ausgerichteten Ausbildung ein künstlerisches Studium anzuhängen. „Ich hatte fünf Jahre Zeit, das zu machen, was mir wichtig war.“ Sie hat diesen Freiraum genutzt - und sich für eine klare Formensprache entschieden. Edelmetalle waren während des Studiums verpönt, „das galt als Kommerz“, erinnert sich Watermann lächelnd. Acryl war eines ihrer bevorzugten Materialien, sie entwarf daraus großformatigen Ansteckschmuck, der trotz intensiver Bearbeitung der Oberfläche immer noch transparent wirkt.

Als Selbstständige hat sie feststellen müssen, dass „die Kunden nicht so viel Geld für Plastik ausgeben wollen“. Aber sie hat eh ihre Liebe zu den edlen Materialien wieder gefunden, wozu auch edle Steine gehören. „Wenn die Vertreter mit den Koffern voller Edelsteine kommen, wissen sie schon, dass die Goldschmiede schwach werden.“ So ging es ihr etwa mit einem Rutilquarz, einem Bergkristall, in den feine goldene Härchen wie kleine spitze Nadeln eingeschlossen sind: „Den musste ich unbedingt haben.“ Sie hat daraus einen Anhänger gemacht, und als ein Kunde ihn als Brosche umgearbeitet haben wollte, hat sie abgelehnt: „Das hätte nicht funktioniert.“ Manchmal liegt ein Stück auch ein paar Monate, bis sie ihm den letzten Schliff gibt.

Schmuck wird bei besonderen Anlässen getragen, aber ebenso zu besonderen Anlässen gekauft. „Das hat viel mit Gefühlen oder persönlichen Erinnerungen zu tun.“ Was sie fertigt, soll den Typ des Trägers unterstreichen, mehrere Besprechungen gehören dazu, bis beide zufrieden sind. Schwieriger ist es da schon, wenn Männer etwas für ihre Partnerin kaufen. Schmuck für Männer selbst ist selten gefragt, ein schwules Pärchen ließ sich jedoch die Hochzeitsringe von Mechthild Watermann entwerfen. Viel Erinnerung und weniger materiellen Wert prägt ein kleines Armband: Eine Kundin hatte auf Ibiza Kieselsteine gesammelt, denen Watermann einen silbernen Rahmen gegeben hat.

Die eigene Erinnerung bekommt gerade ein kleines Häuschen. Für eine im September geplante Ausstellung „Das Mittelalter war Jetzt“ baut die Goldschmiedin ein Reliquienkästchen aus dem 11. Jahrhundert nach. Wobei der Neubau sehr moderne Züge hat. „Behausung“ wird sie den kleinen Schutzraum nennen, der ihren Zopf aus Kinderzeiten behütet soll: „Das hat doch etwas Versöhnliches.“ Das Material wird wieder Acryl sein, mit Blattgold verfeinert.

Mechthild Watermann kann ganz gut von ihrer Kunst leben, „das kostbare Material erleichtert das uns Goldschmieden“, fügt sie hinzu. Dabei ist sie ausgesprochen sparsam, Recycling wird groß geschrieben in ihrem Gewerbe. Was sie abfeilt, kommt wieder in ein Döschen - für jede Legierung ein eigenes -, unterm Arbeitsplatz hängt eine große Lederschürze, der „Abfälle“ auffängt. Und wenn sie den Boden gefegt hat, schickt sie den Staub ein: „Das ist überall Gold drin.“

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